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Der große rote Traum

Chico liebte den Samstagsmarkt im Park. Überall roch es nach Zuckerwatte, Bratwurst und frischen Brezeln. Aber am allerbesten gefielen ihm die vielen bunten Luftballons, die der alte Herr Ludwig am Eingang verkaufte.

Er hatte sich schon immer einen davon gewünscht, aber sich nie getraut zu fragen. Was soll ein Hund schon mit einem Luftballon?

An diesem sonnigen Samstag hatte Chico nur Augen für einen ganz bestimmten Ballon: einen riesigen, leuchtend roten, der besonders hoch und stolz in der Luft tanzte.

„Der sieht aus wie ein Abenteuer“, dachte Chico sehnsüchtig, während er an der Leine von Frau Meier zog.

Als ein kleines Mädchen den roten Ballon losließ, weil es erschrocken eine Taube sah, geschah es: Der Ballon stieg schnell höher und höher in den blauen Himmel.

Chico zögerte keine Sekunde. Mit einem kräftigen Ruck riss er sich von der Leine los und rannte hinterher.

„Chico! Bleib hier!“, rief Frau Meier erschrocken. Aber es war zu spät. Der kleine Chihuahua war schon auf großer Mission.

Die große Jagd

Der rote Ballon flog über die Wiese, über die großen Eichen und schließlich Richtung Spielplatz. Chico sprintete mit seinen kurzen Beinen, so schnell er konnte. 

Immer wieder sprang er hoch und schnappte in die Luft, doch der Ballon war schneller.

Unterwegs traf er auf seine alte Bekannte Lola, eine quirlige Jack-Russell-Terrier-Dame. „Chico? Was machst du denn da wie ein verrückter Floh?“, bellte Lola lachend.

„Ich rette den roten Ballon!“, rief Chico keuchend. „Er gehört einem kleinen Mädchen und er fliegt weg!“

Lola schaute nach oben, dann zu dem winzigen Chihuahua hinunter. Sie grinste breit. „Du bist komplett verrückt. Aber ich bin dabei!“

Gemeinsam rannten sie weiter – ein kleines schwarzes Etwas und ein flinker braun-weißer Wirbelwind.

Der mutige Plan

Der Ballon verfing sich schließlich in den Ästen einer hohen Kastanie am Rand des Parks. Er hing dort und tanzte im Wind, als wollte er die beiden Hunde ärgern.

Chico setzte sich hin und schaute nachdenklich nach oben. Die Äste waren hoch. Für einen großen Hund vielleicht kein Problem – für einen Chihuahua eine echte Bergbesteigung.

„Ich klettere hoch“, sagte Chico entschlossen.

Lola starrte ihn an. „Du? Mit deinen Streichholzbeinen? Das schaffst du nie.“

„Vielleicht nicht allein“, antwortete Chico und schaute sie mit seinen großen dunklen Augen an. „Aber zusammen schon.“

Lola seufzte theatralisch. „Na schön, du kleiner Held. Ich gebe dir Starthilfe.“

Sie stellte sich unter den Baum und ließ Chico auf ihren Rücken springen. Von dort aus kletterte er auf ihren Kopf und dann mit einem mutigen Satz auf den untersten Ast.

Schritt für Schritt, Ast für Ast arbeitete sich Chico nach oben. Seine kleinen Pfoten rutschten mehrmals ab, Blätter fielen ihm ins Gesicht, aber er gab nicht auf. Jedes Mal, wenn er Angst bekam, dachte er an das traurige Gesicht des kleinen Mädchens.

Oben angekommen, war der rote Ballon nur noch eine Pfotenlänge entfernt. Chico streckte sich so weit er konnte. Der Ast wackelte gefährlich. Lola stand unten und rief aufmunternd: „Du schaffst das, Chico! Du bist der mutigste Winzling, den ich kenne!“

Mit letzter Kraft schnappte Chico nach der Schnur. Er bekam sie zu fassen! Der Ballon zerrte an ihm, als wollte er ihn mit in den Himmel nehmen. Chico klammerte sich fest, die Schnur im Maul, und rutschte langsam rückwärts den Ast entlang zurück.

Der Abstieg war noch schwieriger als der Aufstieg. Zweimal wäre er fast gefallen, doch jedes Mal fand er neuen Halt. Als er endlich wieder festen Boden unter den Pfoten hatte, jubelte Lola laut.

„Du hast es wirklich gemacht!“

Die große Rückkehr

Gemeinsam rannten Chico und Lola zurück zum Ballonstand. Das kleine Mädchen stand noch immer dort und weinte leise. Als es den roten Ballon sah, den Chico stolz hinter sich herzog, leuchteten seine Augen auf.

„Mein Ballon!“, rief es glücklich und fiel erst dem Ballon und dann – ganz vorsichtig – dem kleinen Chihuahua um den Hals.

Frau Meier, die inzwischen den ganzen Park nach Chico abgesucht hatte, kam atemlos angerannt. Sie sah den schmutzigen, aber stolzen Chico, die lachende Lola und das strahlende Mädchen.

Statt zu schimpfen, ging sie in die Hocke und streichelte Chico lange. „Mein kleiner Abenteurer… du hast wirklich ein großes Herz.“

Herr Ludwig, der Ballonverkäufer, schenkte Chico zur Belohnung einen kleinen blauen Ballon, den er an seinem Halsband befestigte. Lola bekam ein Würstchen extra.

Epilog

An diesem Abend lag Chico müde, aber glücklich auf seinem Kissen. Der kleine blaue Ballon schwebte leise über ihm.

Er hatte gelernt, dass Mut nicht immer bedeutet, gegen böse Feinde zu kämpfen. Manchmal bedeutet Mut einfach, etwas zurückzubringen, das jemand anderem wichtig ist – auch wenn man dafür über seine eigenen Grenzen springen muss.

Und dass die besten Abenteuer oft mit Freunden beginnen, die zuerst über einen lachen und dann doch mitmachen.

Seit diesem Tag schaute Chico noch öfter zu den bunten Ballons am Himmel hinauf. Denn jetzt wusste er: Auch ein winziger Chihuahua kann die Welt ein kleines bisschen bunter machen.